Heidi Schöni, o.T.5, 2021. Acryl auf Leinwand, 180 x 160 cm. © Heidi Schöni
HEIDI SCHÖNI
Puls
12. März bis 9. April 2022
Eröffnung am Freitag, 11. März 2022, 18-20 Uhr
Das malerische Werk von Heidi Schöni (*1953) steht für Tendenzen der Reduktion und Entmaterialisierung. Dies geschieht in ihren jüngsten Gemälden paradoxerweise durch zahlreiche Farbschichten.
Hauchdünn aufgetragen, formieren sich diese Überlagerungen zu Bildern, die widersprüchliche Interpretationen hervorrufen. Wolkenartige Strukturen materialisieren sich über dem Bildgrund, überdecken ihn sanft oder könnten auch aus ihm herausgetreten sein, ihn womöglich porös gemacht haben wie eine Säure. Angriff oder Angebot, Fenster oder Firmament?
Eine permanente Infragestellung der eigenen Konstitution scheint den Bildern immanent, insbesondere weil sie wiederstrebende Dynamiken in Form eines Farbauftrags vereinen, der zugleich roh und subtil wirkt – unprätentiös, aber doch geheimnisvoll.
Erreicht wird dieser widersprüchliche Eindruck durch feine Farbablagerungen, die sich nicht physisch, jedoch optisch mischen. Dafür ist auf einer nicht grundierten Leinwand zunächst farbloses Bindemittel so gleichmässig wie möglich verstrichen worden. Gleichwohl verblieben dabei Partien unbehandelt. Deren rasterartige Struktur ist dadurch bis in die oberste Schicht erahnbar. Die Farbe ist hochverdünnt, bevor sie auf die am Boden liegende Leinwand geschüttet und mit an Bambusstäben montierten Pinseln verteilt wird. In über 30 Farbaufträgen entstehen semitransparente Farbnebel, -seen und -flüsse, die während der jeweiligen Trocknungsphasen durch Verstreichen, Kippen und Unterlegen der Leinwand zu Formen gelenkt werden, in denen sich deren Genese spiegelt. So schimmern durch diffuse Erscheinungen diverse Linien, Bewegungsströme und Schattierungen. Selbst von den untersten Schichten bleibt ein Schein, der das Bild merklich durchpulst und den nebelartigen Partien Körperlichkeit verleiht.
Dieses Spannungsfeld kommt auch darin zum Ausdruck, dass die leicht hochformatigen Gemälde zwar in der Bildkomposition Formen kontemplativer Malerei zitieren und selbst durch die Entleerung des Bildraumes einen vergeistigten Tiefenraum evozieren, diesen jedoch im gleichen Zug durch «Bildstörungen» bewusst unterminieren: gezielt erzeugte Rückstände in der Farbe bilden während dem Trocknen Haarrisse und Verklumpungen. Sie durchbrechen die Raumtiefe, um die Materialität von Farbe und Leinwand in den Vordergrund zu rücken. Eine Überhöhung der Malerei, wie sie die samt schimmernde Oberfläche suggeriert, wird so hinterfragt und geerdet.
Zwar ist die Malerei noch immer Illusionsraum und Bühne – auf der sie sich heute jedoch beständig selbst dekonstruiert und Verheissung und Verweigerung Zwiesprache halten. Nur auf diese Weise können die zarten Farbgespinste ohne Pathos und scheinbar beiläufig die Auflösung der Wahrnehmung der Welt und des Menschen zur Darstellung bringen.
Stefanie Hoch 2022